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Mittwoch, 12. Mai 2010

Hochschulreform der Medizin - Das Ministerium kennt keine Bachelors

Auf einer Berliner Tagung, zu der die medizinischen Fakultäten eingeladen hatten, geschah gerade Merkwürdiges. Diskutiert wurde dort die Frage, ob auch das Medizinstudium im Sinne von Bologna reformiert werden sollte, ob es also demnächst statt Ärzten auch noch „Bachelors of Medicine“ geben solle. Das wäre ja, da in der Hochschulpolitik alle entscheidenden Kräfte vom guten Sinn der Reformen überzeugt sind, ganz folgerichtig. Wenn etwas gleichermaßen für Archäologen, Maschinenbauer, Slawisten und Biochemiker gut ist, weshalb sollten dann nicht auch Zahnärzte davon profitieren?
Doch dann wurde berichtet, die Mediziner hätten all die Probleme gar nicht, die zu lösen die Bolognisierung verspricht: hohe Studienabbruchszahlen, fehlende europäische Mobilität, fehlender Berufsbezug des Studiums. Der bayerische Wissenschaftsminister, Ludwig Spaenle, befand zudem, Bologna habe eine „gemischte Bilanz“ vorzuweisen, vor allem aber gebe es Berufsfelder, auf denen hoheitliche Prüfung unabdingbar sei. Architekten, Juristen, Lehrer und Mediziner müssten mit dem Staatsexamen abschließen. Der Minister sprach dabei in seinem viertelstündigen Vortrag so oft vom dringenden Bedürfnis an „Qualitätssicherung“ in manchen Studienfeldern, dass man sich fast fragte, weshalb dieses Bedürfnis denn bei Betriebwirten, Psychologen, Historikern oder Ingenieuren nicht bestehen soll.

Im Supermarkt der Reform

Es kam noch besser. Denn später trat auch Margret Wintermantel auf, die Präsidentin der deutschen Hochschulrektorenkonferenz (HRK), wo ja die Lordsiegelbewahrer des Bologna-Prozesses sitzen, die seit Jahren von seinen Erfolgsaussichten und seinen Erfolgen berichten. Sie nun ließ wissen, dass man seitens der HRK gar nicht beabsichtige, den Medizinern die „Bologna-Architektur“ überzustülpen. „Wer bin ich denn, das zu verlangen?“ Ja, richtig, wer ist sie denn? Oder besser: Wer waren sie und die ihren denn, es bei allen anderen Fächern zu tun? Aber sei’s drum, beißen wir uns nicht in vergangenen Kämpfen fest, wenn eine so hochmögende Präsidentin selber Bologna nur noch als gutgemeinten Vorschlag, als Werkzeugkasten bezeichnet, in dem – „Schauen Sie sich die Möglichkeiten der Studienreform an“ – auch Mediziner gewiss das eine oder andere Gute finden würden. Damit nicht genug. Zuletzt teilte nämlich Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, auf das es in dieser Sache letztlich ankommt, ganz unmissverständlich mit: Eine Bachelorisierung des Zugangs zum Arztberuf werde es keinesfalls geben, dagegen stünden nicht nur europäische Vereinbarungen, sondern auch alle vernünftigen Erwägungen.
So kann man über die Bologna-Reformen also auch reden: Sie waren nur eine Reformanregung, wenn es um wirklich wichtige Dinge geht, keine hilfreiche, man muss erst prüfen, ob es Probleme gibt, bevor man mit Lösungen kommt, und überhaupt sitzen die Einzigen, denen Bologna vollkommen einleuchtet, in den Bildungsministerien und Hochschulleitungen, überall dort hingegen, wo Fachleute sitzen, ist man gar nicht so begeistert.

Reformbedarf jenseits von Bologna

So weit, so verständig. Was in der Berliner Tagung allerdings auch zur Sprache kam und festgehalten werden sollte, ist, dass die Kritik am anschauungslos übergestülpten Reformunfug nicht dazu herhalten darf, die Zustände in den Fächern zu verklären. Und hier wäre viel über die Medizin zu sagen. Die klinische Ausbildung liegt im Argen, nicht nur die Kassenpatienten sehen den Herrn Professor selten. Der Kampf um Ressourcen dominiert ganze akademische Karrieren zwischen Universität und Krankenhaus. Die Weisungshierarchien sind – für eine Wissenschaft, aber auch im Vergleich zu Kliniken in anderen Ländern – abenteuerlich. Im Curriculum will man von „Bedside teaching“, also der professionellen Vorbereitung auf den Beruf zugunsten der wissenschaftlichen Grundlegung oft nichts wissen. Oder man erfindet Fächer wie „Umweltmedizin“, um sich praktisch zu geben.
Nicht der Absolvent des deutschen Medizinstudiums an sich ist darum im Ausland beliebt, sondern der deutsche Facharzt, der sich draußen weitergebildet hat. Die Mediziner müssen insofern aufpassen, über der berechtigten Abwehr des Bologna-Modells nicht in blindes Selbstlob zu verfallen. So sehr es zutrifft, dass nicht geheilt werden muss, was nicht krank ist, und dass selbst eine schwere Krankheit nicht jede Art von Therapie rechtfertigt, so sehr kann umgekehrt nicht aus der Kurpfuscherei von Reformern schon auf die Gesundheit des Patienten geschlossen werden.

Quelle: www.faz.net, 19.03.2010, von Jürgen Kaube

Dienstag, 16. März 2010

„Zustand kritisch“ (7) Zu viel versprochen


12. Februar 2010 Praktisch keine Arbeitslosigkeit und meist sogar eine Jobgarantie. So wirbt der Medizinbetrieb um seine Studierenden. Das sind kühne Behauptungen, die sich hartnäckig halten. Überall hört und liest man auch von dem drohenden und teilweise schon eingetretenen Ärztemangel, freien Kassenarztsitzen und leerstehenden Hausarztpraxen auf dem Land. Doch statt an den neidischen Blicken der Kommilitonen aus den Rechtswissenschaften oder Geisteswissenschaften vorbeizuziehen, wandern immer mehr Medizinstudenten ins Ausland ab, viele kehren nach erfolgreichem Staatsexamen der kurativen Medizin ganz den Rücken. Nach gemeinsamen Erhebungen von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung suchen sich zwanzig Prozent der Absolventen einen Arbeitsplatz weit weg von der klassischen Patientenversorgung: in der Forschung, Pharmaindustrie oder freien Wirtschaft, und die Tendenz ist steigend.
Was passiert also mit den jungen Menschen während der zwölf Semester Studium? Was ist von dem motivierten, lernbereiten, gewiss oft auch naiven Erstsemesterstudenten nach dem Studium übrig, und wer hat ihm oder ihr das Interesse und die Freude am Arztberuf und die Überzeugung von dessen Sinnhaftigkeit genommen?

Auf dem Papier und in Wirklichkeit

Die in der Öffentlichkeit oft diskutierten Gründe von unzumutbaren Arbeitsbedingungen und einer als ungerecht empfundenen Bezahlung sind längst nicht die einzigen, vielleicht oft nicht einmal die entscheidenden Gründe gegen ein Leben im weißen Kittel. Wer das Fach studiert, erkennt bald, dass eine ausreichende Lehre viel zu häufig nur formal auf dem Papier existiert. Meine Erfahrung ist: Berufsausbildung, gemeint als das Hinführen zur Fähigkeit, den angestrebten Beruf mit profunden und praxistauglichen Kenntnissen und innerer Überzeugung ausüben zu können, gibt es zu selten.
Sobald der Medizinstudent das Physikum erfolgreich hinter sich gebracht hat und im klinischen Teil seines Studiums ist, wird er meist von Ärzten an der Uniklinik unterrichtet, die nebenbei noch eine volle Station zu versorgen haben, und auf die noch weitere ungeduldige Patienten in der Ambulanz warten. Andere kommen gerade aus dem Nachtdienst oder haben noch vierzehn Stunden Arbeit vor sich. Dass bei vielen da wenig Zeit und Motivation bleibt, der viel zu großen Kleingruppe von Studenten etwas pädagogisch sinnvoll zu erklären oder praktisch zu zeigen, ist Alltag.
In den Vorlesungen wird dem Studenten neben der Krankheitslehre neuerdings vermehrt eingeimpft, was die Krankenkasse zahlt und welche womöglich nützlichen, aber eben unwirtschaftlichen Diagnostik- und Therapieverfahren aus Kostengründen nicht angewendet werden dürfen. So mag die Realität sein, aber im sechsten Semester wirkt der Ökonomisierungsdruck vor allem demoralisierend.

Demotivierende Lehre

Viele Studenten ziehen sich mit ihren Büchern zurück und lernen für die unzähligen Multiple-Choice-Fragen, die am Ende des Semesters auf sie zukommen. Dort werden dann Fragen nach Erkrankungen gestellt, die man dem Studenten weder real gezeigt noch erläutert hat. Auf diese Art schleppt er sich mit wenigen positiven Ausnahmen von Semester zu Semester, bis er das Praktische Jahr am Ende des Studiums erreicht hat. Hier erklimmt er schließlich den Gipfel der demotivierenden und defizitären Lehre.
Laut Approbationsordnung wird ihm im Praktischen Jahr versprochen, "die im Studium erworbenen ärztlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vertiefen und zu erweitern". Das alles unter "Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes". In der Praxis hingegen wird das Wissen über Verbandswechsel, Fädenziehen oder Ultraschalluntersuchung von Student zu Student weitergegeben, weil bei der hohen Arbeitsbelastung im Klinikalltag und der dünnen Personaldecke kaum Zeit bleibt, den Studenten von ärztlicher Seite aus in die Arbeitstechniken einzuweisen.

Im Praxisjahr

Natürlich begegnen dem Studenten auch bemühte Ärzte, die willig sind, ihn zu interessanten Untersuchungen mitzunehmen oder ihm lehrreiche Aufgaben zu stellen. Aber meistens wird auch dieser Stationsarzt schnell eingeholt von der Realität: Berge von Dokumentations- und Korrespondenzaufgaben, Befundanfragen, wartende Patienten. Das große Lamento erlebt der Student Tag für Tag.
Gemäß der Approbationsordnung dürfen Studenten nicht "zu Tätigkeiten herangezogen werden, die ihre Ausbildung nicht fördern". Ob nun Botengänge, unzählige tägliche Blutabnahmen, Röntgenbilder sortieren und Ordner bestücken zu den Aufgaben zählen, die die Medizinausbildung fördern, bleibt wohl Definitionssache. Nicht, dass ein Student sich für solcherlei Arbeiten zu fein sein sollte, aber wenn sich seine weit überwiegende Tätigkeit darin erschöpft, wird der Sinn des Praktischen Jahres auch bei großzügigster Auslegung der Approbationsordnung verfehlt.
Im Klinikbetrieb ist keine Zeit, aber jede Menge Arbeit vorgesehen für den fortgeschrittenen Studenten. Seine Arbeitskraft ist kostengünstig, weil er für das Praktische Jahr kein Geld bekommt. So tritt der Medizinstudent nach absolviertem Praktischem Jahr und Staatsexamen aus der Kliniktür und lässt sie hinter sich zufallen, in immer mehr Fällen zum letzten Mal.

Mangel an Vorbildern

Mit der neuen Approbationsordnung, die vor sechs Jahren in Kraft getreten ist, und mit der Umstrukturierung klinischer Praktika an der Uniklinik hat man zwar den Willen erkennen lassen, das Medizinstudium praxisnäher und pädagogisch lehrreicher zu gestalten. Aber mit dem Willen allein wurde bisher nicht allzu viel erreicht. Der Ausbildung, wie sie Medizinstudenten sich vorstellen, fehlt es heute nicht nur an Geld und Personal, wie man oft hört, sondern auch an Vorbildern, die ihren Beruf gern ausüben.
Ärzte, die trotz schlechter Arbeitsbedingungen motivieren können und die in ihren Arbeits- und Verhaltensweisen als moralische und ethische "Leitwölfe" gelten wollen, und nicht zuletzt solche, bei denen nicht in Vergessenheit gerät, was eigentlich in der Medizin im Mittelpunkt steht: der Mensch.
Lucia Schmidt, 27, ist Medizinstudentin. Sie hat das Praktische Jahr absolviert und steht vor kurz vor dem Staatsexamen.

Quelle: F.A.Z., 02.03.2010, von Lucia Schmidt

Dienstag, 9. Februar 2010

Arbeitskreis Notfallmedizin erhält den Aachener Lehrpreis

Interview mit den Organisatoren: Was bietet der Arbeitskreis für Medizinstudenten?
Der Arbeitskreis Notfallmedizin hat am 29. Januar 2010 auf der Veranstaltung "RWTH transparent - mobilising people" den Lehrpreis der Hochschule erhalten. Der Arbeitskreis ermöglicht seit 2004 Medizinstudenten einen spannenden Einblick in die Notfallmedizin. Das Projekt "Rettungsdienstpraktikum für Studierende der Medizin", für welches der Arbeitskreis ausgezeichnet wurde, ist nur ein Teil des Angebots. Janina Mauer stellt den Arbeitskreis vor.

Trainingseinheit des AKN: Hier kann die Erstversorgung von Unfallpatienten praktisch geübt werden; Foto: Cordt Beißner
Trainingseinheit des AKN: Hier kann die Erstversorgung von Unfallpatienten praktisch geübt werden; Foto: Cordt Beißner
 
Janina Mauer sprach mit Alf Schmidt und Cordt Beißner, den Organisatoren und Mitgliedern des Arbeitskreis Notfallmedizin (AKN).

Herzlichen Glückwunsch! Wie erhält man den Lehrpreis der RWTH?

Schmidt: Es gibt ein festes Auswahlsystem. Jede Fakultät der RWTH nennt der Studienkommission, welche die Lehre an der RWTH koordiniert, ihren Kandidaten für den Lehrpreis. Die Studienkommission berät sich über die Vorschläge und gibt dann ihre Empfehlung an Senat und Rektorat der RWTH weiter. Diese entscheiden fakultätsübergreifend, wer den Lehrpreis erhalten soll.

Die Konkurrenz ist also groß!

Beißner: Ja, sie umfasst alle Fakultäten der RWTH. Aber in der Medizin gibt es ständig Innovationen und gerade seit der Einführung des Modellstudiengangs tut sich an der Hochschule Aachen viel in Sachen medizinische Lehre. Es sind einige Projekte entstanden, die den Medizinstudenten neue Lernmethoden und -möglichkeiten bieten.
Das zeigt sich auch daran, dass unsere Fakultät nicht zum ersten Mal für ein innovatives Lehrprojekt ausgezeichnet wird. 2004 bekam beispielsweise die Arbeitsgruppe "Einführungswochen Notfallmedizin" den Lehrpreis überreicht. In den Jahren 2007 und 2008 waren ebenfalls Projekte der medizinischen Fakultät bei der Auswahl ganz vorn mit dabei.

Für welches Projekt erhaltet Ihr die Auszeichnung?

Schmidt: Dieses Jahr wird der Arbeitskreis Notfallmedizin für sein Projekt "Rettungsdienstpraktikum für Studierende der Medizin" ausgezeichnet. Dieses Praktikum beinhaltet neben theoretischem Unterricht die Möglichkeit, auf einem Rettungswagen im Umkreis von Aachen mitzufahren und so Rettungsdienst einmal "live" zu erleben.
Dieses Angebot richtet sich an Medizinstudenten ab dem 5. Semester, die schon etwas Vorkenntnisse mitbringen, den Organblock Herz-Kreislauf-System und im besten Fall schon eine Famulatur hinter sich haben.

Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Projekt?

Beißner: Die Idee zum Rettungsdienstpraktikum kam ursprünglich von den Studenten selbst. Da sie ein solches Praktikum allerdings nicht privat organisieren konnten - unter anderem aus versicherungstechnischen Gründen - wandten sie sich an den AKN.
Henning Biermann griff den Studentenwunsch auf und realisierte das Projekt. Er ist selbst Medizinstudent in Aachen gewesen und mittlerweile als Assistenzarzt am UKA tätig. Die Projektgruppe besteht aus ihm, Sebastian Knott und uns beiden. Das Praktikum hat sich mittlerweile zu einem festen Bestandteil im Angebot des AKN etabliert.

Was bietet der Arbeitskreis Notfallmedizin den Studenten der RWTH noch an?

Beißner: Neben dem Rettungsdienstpraktikum bietet der AKN monatliche Treffen. Dort kann jeder Interessierte dabei sein, egal ob er eine Frage zu einem notfallmedizinischen Thema hat, gern noch einmal das Schienen und Lagern von Notfallpatienten praktisch üben möchte, oder einfach wissen will, was demnächst so auf dem Programm steht und sich vielleicht an der Planung beteiligen möchte.
Mindestens einmal pro Semester werden zudem Fortbildungen veranstaltet. Dort referieren Rettungsdiensttätige und ärztliche Dozenten über notfallmedizinische Themen. Daneben können das richtige Verhalten am Unfallort und die Regeln zur Wiederbelebung und anderes noch einmal gründlich wiederholt und geübt werden.
Diese Veranstaltungen sind besonders für Studierende mit Rettungsdienstausbildung von Vorteil, da sie jährlich mindestens 30 Fortbildungstunden nachweisen müssen, um weiterhin in ihrem Beruf tätig sein zu können.
Die Nachfrage bei den Studenten ist insgesamt sehr groß und wir bemühen uns um regelmäßige Termine. Die Dozenten unterstützen uns dabei in ihrer Freizeit, wofür wir sehr dankbar sind.

Können an den Treffen und Seminaren auch Studenten unterer Semester teilnehmen, die noch keine Organblöcke durchgenommen oder Erfahrungen in der Notfallmedizin gesammelt haben?

Schmidt: Natürlich. Bei den AKN-Treffen ist jeder willkommen! - auch "notfallmedizinisch Unbelastete" (lacht). Ebenso sind die Seminare für jeden Interessierten offen. Schließlich fühlen sich gerade Studenten unterer Semester oft nicht richtig über die Techniken und Regeln zur notfallmedizinischen Erstbehandlung informiert und sind froh, wenn sie Wiederbelebung und Co. noch einmal üben können.
Wir hoffen, durch dieses Angebot die "Lücke" zwischen dem Einführungsblock Notfallmedizin im ersten und dem Vorlesungsblock Notfallmedizin im achten Semester schließen zu können - damit sich jeder Student einer Notfallsituation gegenüber gewachsen sieht.

Wie laufen die AKN-Treffen ab?

Beißner: Wir treffen uns gern in lockerer Atmosphäre, zum Beispiel in der Fachschaft auf einen Kaffee. Es gibt zwar eine Tagesordnung, wo aktuelle Themen, Exkursionen und Projekte besprochen werden, dennoch sind die Sitzungen recht entspannt und ungezwungen. Eigene Ideen einbringen und Projekte aktiv mitgestalten, ist für jeden möglich.
AKN-Exkursion nach Heerlen; Foto: Cordt Beißner
AKN-Exkursion nach Heerlen; Foto: Cordt Beißner

Und was plant Ihr momentan?

Schmidt: Ein neues Projekt der AKN steckt gerade in den Kinderschuhen. Wir planen regelmäßige Exkursionen, wie zum Beispiel im letzten Jahr der Besuch der Rettungswache in Heerlen. Dort haben wir die Studenten über das Rettungssystem in den Niederlanden informiert, sie konnten sich die Wache ansehen und in den praktischen Arbeitsalltag eintauchen. Dieses Exkursionsprojekt wollen wir noch weiter ausbauen und den Studenten spannende Einblicke in die Notfallmedizin bieten.

Das ist ein breites Angebot! Wie ist der AKN organisiert, um das alles zu ermöglichen?

Schmidt: Der AKN ist ein rein studentisches Projekt der medizinischen Fakultät. Einige Studenten haben es 2004 ins Leben gerufen, um ihre Erfahrungen aus der Rettungssanitäterausbildung und dem Zivildienst bei abendlichen Treffen an Kommilitonen weiterzugeben.
Die Nachfrage war so groß, dass sich daraus bald eine offizielle Projektgruppe entwickelte, die an die Fachschaft Humanmedizin angegliedert wurde - der heutige AKN.
Die Gründer haben ihr Studium natürlich schon abgeschlossen und sind mittlerweile Ärzte, aber der AKN wird weiterhin durch Studenten der RWTH geleitet. Die Verknüpfung mit der Fachschaft gliedert den AKN in die studentische Selbstverwaltung ein und ermöglicht die Kommunikation mit den Studenten. So werden Ankündigungen und Termine für AKN-Treffen über die Fachschaftsseite veröffentlicht und Neuigkeiten sowie Projektpläne bei Fachschaftssitzungen diskutiert.

Wie kann man Kontakt zum AKN aufnehmen?

Beißner: Den Kontakt zum AKN bekommt man am besten über die Fachschaftsseite, aber jeder, der interessiert ist, kann uns auch jederzeit eine E-Mail schreiben, nur keine Scheu. Ansonsten einfach mal bei einem Treffen reinschauen!


Quelle: http://www.thieme.de/viamedici/studienort_aachen/vorklinik/notfallmedizin.html, 08.02.2010, von Janina Mauer
Janina Mauer studiert Medizin in Aachen und ist Via medici online-Lokalredakteurin.

Montag, 8. Februar 2010

Karriere, Karriere, Knick - Studenten im Optimierungswahn

Studenten machen sich selbst zum passgenauen Firmenfutter. Ultra-pragmatisch perfektionieren sie ihre Lebensläufe, straff, stur, strategisch. Doch bei allem Ehrgeiz vergessen sie das Wichtigste: Manchmal sind die krummen Wege die geraden.
Draußen auf dem Bodensee glitzert die Sonne, junge Enten spielen Fangen. Anna-Lena, 21, hat dafür keinen Blick. Sie sitzt im Präsidentenzimmer der privaten Zeppelin University in Friedrichshafen, weil sie sich fürs Master-Programm beworben hat - nach Abi mit 1,2 und Bachelor mit "sehr gut" der nächste logische Schritt in ihrem Aufstiegsszenario.
Anna-Lena hat den Rücken durchgedrückt und die langen blonden Haare zum Knoten geschlungen, trägt Perlenohrringe zu hellgrauem Kostüm und rosa Bluse - wie ein Fotomodell, das die perfekte Bewerberin darstellen soll. Bislang lief alles nach Plan: Sie war Schülersprecherin und in der Theater-AG, absolvierte Praktika bei einer Steuerkanzlei, einem Konsumartikler, einer Unternehmensberatung und amnesty international. Ballett ist ihr Hobby, bei dem der Körper mit eiserner Disziplin in wunderschöne, irgendwie unnatürliche Verrenkungen gezwungen wird. Vielleicht kein Zufall, dass Anna-Lena sich dafür entschieden hat.
"Ich ziehe durch, was ich mir vorgenommen habe, ich will mein Leben nicht verbummeln" - Anna-Lena ist eine Vertreterin der Generation Lebenslauf, die kühlen Blicks das Drauflosstudieren entsorgt hat und allzeit bereit ist zu harter Arbeit, sofern es reinpasst ins Karrieredesign. Nüchtern bis zur Selbstaufgabe planen sie das eigene Fortkommen. Als ideologiefreie "Ego-Taktiker", die ihr Leben als Managementaufgabe begreifen, beschreibt sie Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell-Studie. "Zielorientiert" nennt die Studie das - und untertreibt noch. Es sind Ultra-Pragmatiker, die knallharte Kosten-Nutzen-Rechnungen aufstellen auf dem Weg nach oben.
Student 2.0: Strategisch bis in die Knochen
So folgt eine wachsende Zahl von Studenten einer Perfektionierungsstrategie auf der Suche nach der besten Ausbildungsrendite. Die möglichen Konsequenzen der Wahl von Studienfach, Uni und Praktika sind ihnen gnadenlos bewusst. Die Sorglosigkeit und Selbstständigkeit früherer Generationen sind Geschichte; die Gegenwart ist straff und effizient. Ziel: umwegloser Erwerb passgenauen Wissens, die eigene "employability" als Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt.
Die Bologna-Reform ist nur die Infrastruktur. Der eigentliche Mentalitätswandel fand in den Köpfen statt. Viele Studenten musste man nicht zwingen: Ergeben, bisweilen gar freudig nahmen sie die neuen, strengeren Bachelor-Strukturen an. Klar, es gibt sie noch, die Bummeltypen mit in langen Asta-Sitzungen gestähltem Sitzfleisch. Doch die Mehrheit ist: vernünftig. Strategisch. Fokussiert.
Seit 25 Jahren waren Deutschlands Studenten nicht so ehrgeizig und zugleich so zufrieden mit ihrem Studium. Bei einer Umfrage Konstanzer Forscher im Auftrag des Bundesbildungsministeriums 2008 beurteilten sie - erstmals seit 1983 - alle zentralen Bereiche überwiegend positiv: Qualität der Inhalte, Studienaufbau, Veranstaltungen, Betreuung. Im Gegenzug wollen sie schneller studieren, arbeiten intensiver für die Uni und legen größeren Wert auf ein gutes Examen als noch 2001.
Sicher, es gab kleinere Aufstände. Im vergangenen Jahr protestierten Studenten und Schüler zu Zehntausenden gegen Bachelor und Turbogymnasium. Die Feuilletons waren begeistert: Die unpolitische Generation schien endlich das Aufbegehren zu lernen. Doch vielerorts waren die Demo-Reihen dann doch ziemlich licht, und der Studentenfrust entfachte sich nicht an der Unireform als solcher, sondern an Umsetzungsmängeln: das Curriculum zu vollgestopft mit Paukstoff und Prüfungen, das Pensum nicht zu schaffen.
Lost in Perfection: Wenn der optimierte Lebenslauf zur Sackgasse wird
An der Grundidee eines schnelleren und effizienteren Studiums, den Blick auf die Wirtschaft gerichtet, rütteln nur wenige Studenten. Ihren Protest befeuerte eher die Angst, im neuen System nicht mehr mithalten zu können. "Wo Effizienz, Planung und Kontrolle zu allein gültigen Leitprinzipien werden", so der Bildungsreformer Konrad Schily, "darf man sich nicht wundern, wenn die Studierenden effizient, kontrolliert und geplant mit ihren geistigen und zeitlichen Ressourcen umgehen."
Bei der Bildung geht es heute es auch um Geld. Auf 2,2 Billionen US-Dollar schätzt die Investmentbank Merrill Lynch den weltweiten Bildungsmarkt. Vom studentischen Wunsch der zügigen Berufsvorbereitung scheinen alle zu profitieren: der Staat über eine höhere Bildungsrendite, einige Privathochschulen direkt über die Studiengebühren - und Unternehmen, weil sie schneller an passgenau ausgebildete Absolventen kommen.
Aber profitieren auch die Studenten selbst? Zumindest glauben es viele; die Optimierung der Bildung haben sie längst verinnerlicht. "Alles Tun wird auf die eigene Marktgängigkeit, die Verwertbarkeit im Lebenslauf hin abgeklopft", so Jugendforscher Hurrelmann. Anna-Lena sagt: "Wir sind schon eine ichbezogene Generation. Jeder will in Rekordzeit, mit Rekordnoten durch die Uni. Manchmal frage ich mich, wie ich das Pensum noch steigern soll, wenn ich im Beruf bin." Ironisch schaut sie auf ihre schmale Festina-Uhr, als sei es deren Schuld, dass der Tag nur 24 Stunden hat.
2. Teil: Warum die Anna-Lenas auf die Nase fallen können
Was Bologna nachweisbar geschmälert hat, ist die Zeit (und Lust) fürs außeruniversitäre Engagement oder auch fürs Auslandsjahr. Der Jetzt-Student betrachtet Studieren als Job, verzichtet auf intellektuelles Sich-Ausprobieren und Weltverbessern. Doch gerade der Hang, das zu tun, was (scheinbar) gerade nachgefragt ist (und was deshalb alle tun), hindert ihn, ein eigenes Profil zu entwickeln. Der Optimierungsmodus wird zur Barriere vor dem eigentlichen Ziel: herauszuragen aus der Masse.
Welchen Job Anna-Lena anstrebt? Sie zuckt mit den Schultern, hat bei all den Praktika keinen Beruf gefunden, der ihr gefällt. Die Steuerkanzlei - zu trocken. Der Konsumartikler - "soll ich mein Leben lang Weichspüler verkaufen?" Die Wirklichkeit kann kaum mithalten mit dem perfekt ziselierten Lebensplan. Oder sie hat sich darüber tatsächlich noch keine Gedanken, sondern immer nur den nächsten Haken im Lebenslauf gemacht. Sich breit aufstellen, alles aufs große Ziel ausrichten - auch wenn es im dichten Nebel liegt.
Anna-Lenas Gegenüber im Bewerbungsgespräch heißt Stephan Jansen, Präsident der Zeppelin-Uni. Der Enddreißiger will ihr eine Brücke bauen: Könnte sie frei wählen, wie sähe dann ihr Leben aus? Anna-Lena guckt ratlos. Schule, Praktika, Bachelor - immer war sie top, hat Erwartungen übertroffen. Indes: Immer konnte sie sich an Erwartungen orientieren. Was sie selbst will, war selten Thema. "Frei wählen? Das ist doch ein Trick, oder?", fragt sie und lächelt verschwörerisch.
Wanted: Menschen mit Köpfchen und Neugier
In seinem Buch "The Rise of the Creative Class" zeigt der US-Ökonom Richard Florida, wie entscheidend Kreativität für wirtschaftlichen Erfolg ist. Was aber für Volkswirtschaften gilt, gilt in der wissensbasierten Ökonomie erst recht für den Einzelnen: Das Ausgefallene, das besondere Talent machen seinen Erfolg aus. Denn mangelt es etwa der Welt von morgen an Standards, an reproduzierbarem Wissen? An Leuten, die vorgegebene Muster rasch und präzise ausfüllen? 
Eher nicht. Woran es fehlt, sind Menschen mit Köpfchen und Neugier. Die mit Kreuzungen, Sackgassen und Umleitungen umgehen können - nicht nur mit Einbahnstraßen. Die mit individuell Besonderem statt mit Mainstream-Wissen überzeugen. Das lernt man nicht, indem man einen normierten Ausbildungskanon im Rekordtempo absolviert.
Viele Studenten galoppieren mit voller Kraft in die Perfektionismusfalle: Wenn es stimmt, dass wir lebenslang lernen müssen, dass Denken in komplexen Zusammenhängen die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts ist - dann ist eine Optimierung anhand vermeintlich verbindlicher Karriereideale ein Irrweg. Wer all sein Wissen und Talent dafür einsetzt, wird bei den wirklichen Herausforderungen versagen: Innovation, unorthodoxe Lösungen, vernetztes Denken sind exakt jene Felder, auf denen Berufseinsteiger sich beweisen und herausragen könnten.
"Sie verlernen, selbst zu denken"
Diese Fähigkeiten fehlen Anna-Lena. Und auch anderen Bewerbern an der Zeppelin-Uni. Morgens hatten sie zusammen eine Firma besucht, die Büroeinrichtungen verleast und zugleich eine große Kunstsammlung besitzt. Synergien sollten sie entwickeln und brüteten zweieinhalb Stunden über ihren Folien. Doch kein einziger von 70 Master-Kandidaten kam auf eine originellere Idee als "Imagepflege".
Uni-Präsident Jansen ringt um Fassung. "Wir haben Büro-Leasing", sagt er langsam, als spräche er zu Zweijährigen, und betont "Leasing", "wir haben Hunderte Gemälde, die im Keller verstauben. Was fällt Ihnen dazu ein?" Anna-Lena spielt an ihren Perlenohrringen, sieht jetzt aus wie ein waidwundes Reh. "Gemälde-Leasing" kommt ihr nicht in den Sinn. "Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet", erwidert sie. "Was wollen Sie denn von mir hören?" Jansen sagt: "Es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich will, dass Sie selbst überlegen."
Was ihn wurmt: Brav gingen alle Bewerber die Materialien durch. Aber niemand befragte die Firmenmitarbeiter und sammelte weitere Informationen. "Die lernen das, was man ihnen sagt: schematische Tools, stures Anwenden, Rezepte statt Reflektion", sagt Jansen. "Dabei verlernen sie, selbst zu denken."
Einzigartigkeit, seriell produziert, wird uniform. Statt sich wahllos Fähigkeiten anzueignen, die vielleicht wichtig sein könnten, wird eine Frage tatsächlich wichtig: Wer bin ich? Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt hat weniger mit Qualifikation zu tun als mit Identität und Selbstbewusstsein. Eine schlechte Nachricht für Anna-Lena. Und für alle, die auf die Blaupause des perfekten Studiums vertrauen.

Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,675629-2,00.html, 08.02.2010, von Klaus Werle
Der Beitrag ist ein Auszug aus Klaus Werles Buch "Die Perfektionierer" (siehe Kasten links). Zuletzt: Der stressige Alltag der Very Important Babys sowie Karriereturbo mit Fehlzündung

Dienstag, 2. Februar 2010

Dr. Alemán: Filmabend mit Diskussion

Das Gießener Institut für Geschichte der Medizin hat einen Filmabend mit Diskussion organisiert und damit bei den Medizistudenten ins Schwarze getroffen. Gezeigt wurde der Film Dr. Alemán von Tom Schreiber innerhalb der Veranstaltungsreihe "Interkulturelle Medizin - Medizin in Lateinamerika". Dazu eingeladen waren Regisseur Tom Schreiber und der Arzt Mark Weller, auf dessen Briefen der Film beruht. Es entfachte sich eine rege Diskussion zum Thema "PJ-Tourismus".

Faszination, Abenteuer und Kontrollverlust
Der Film "Dr. Alemán" von Tom Schreiber basiert auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte des deutschen Medizinstudenten Marc, der für sein PJ nach Kolumbien geht. Der Student erlebt dort eine aufwühlende Zeit zwischen Faszination, Abenteuerlust und dem unmöglichen Versuch, Teil der fremden Welt eines von Jugendbanden kontrollierten Armutsviertels von Cali zu werden und dabei die Orientierung nicht zu verlieren. Regisseur Tom Schreiber zu seinem Film: "Marcs Geschichte fasziniert mich, weil sie von dem Gefühl der Verlorenheit in einer fremden Welt erzählt, welches mir sehr bekannt ist."
Frustriert von seinem langweiligen bürgerlichen Leben in Frankfurt war der "echte" Mark vor der Reise drauf und dran gewesen, das viel zu theoretische und praxisferne Medizinstudium abzubrechen. In dieser Situation lockte ihn Kolumbien mit dem Flair von Abenteuer, Freiheit und deutlich mehr Möglichkeiten, praktische medizinische Erfahrungen zu sammeln. In dem Film wird nun konsequent weiter gedacht, was die Folgen eines zu naiven, romantisierenden Umgangs mit einer fremden Realität hätten sein können.
"Du siehst nichts. Du hörst nichts. Du schweigst, wenn du isst", gibt Wanda ihrem deutschen Filmfreund Marc für das (Über-)Leben in Siloé mit auf den Weg, wo Kriminalität und Bandenkriege den Alltag bestimmen. Marc im Film schlägt diesen Rat in den Wind. Marleyda Soto, die im Film Wanda spielt, ist selbst in einem Viertel wie Siloé aufgewachsen und ist mit der im Film dargestellten Situation daher zutiefst vertraut. Ihr Spiel gewinnt so eine besondere Authentizität, vor allem im Kontrast mit dem blauäugig begeisterten PJler aus Alemania, der ebenfalls sehr überzeugend von August Diehl verkörpert wird.

Kinosaal fast ausverkauft
Tom Schreiber und Mark Weller, der heute als Anästhesist in New York arbeitet, stellen sich nach dem Film den Fragen der Zuschauer. Weller ist speziell für diesen Abend aus New York angereist. Über mangelndes Interesse können sich die Veranstalter, das Institut für Geschichte der Medizin, nicht beklagen, denn die Plätze im Kino sind nahezu ausverkauft - in erster Linie an Medizinstudenten und -studentinnen. Viele von ihnen haben bereits einen Auslandsaufenthalt hinter sich oder planen für ein Semester oder das Praktische Jahr ins Ausland zu gehen. Das große Interesse an dem Thema zeigt sich in der anschließenden ausführlichen und sehr lebhaften Diskussion.

Realität oder Fiktion?
Besonders spannend ist für viele die Frage: Was war in "Dr. Alemán" Realität und was Fiktion? Grundlage des Films sind fünf Briefe, die Mark Weller in seiner Zeit in Kolumbien an seinen Freund Tom Schreiber gesendet hat. Viele der Filmfiguren wie Wanda, die Kioskbesitzerin (im Film die Geliebte Marks) oder El Juéz ("der Richter"), der Anführer einer brutalen Jugendbande, sowie die Straßenjungen basieren auf Schilderungen aus den Briefen. Auch der Ort, an dem der Film gedreht wurde - die Favela Siloé in Cali - wurde nach seinen Beschreibungen ausgesucht
Dennoch handelt es sich um einen Spielfilm, betont Tom Schreiber. Das Entscheidende sei, dass die Geschichte so hätte passieren können. Sie sei nicht spezifisch für diesen Ort, nicht für Siloé, für Cali oder Kolumbien. Man hätte sie überall erzählen können, so der Regisseur weiter, da es in erster Linie um ein generelles Problem geht: Sich auf eine fremde Lebenswelt und Kultur einzulassen und dabei den Spagat zwischen Neugier und vollkommener Blauäugigkeit auf der einen Seite und zu großer Vorsicht und blinder Angst vor dem Fremden auf der anderen Seite zu meistern. Wie kann die Balance gehalten werden zwischen Abenteuerlust mit dem Wunsch viel zu erleben und der Gefahr, Hals über Kopf in Situationen mit unabsehbarem Ausgang zu geraten? Situationen mit möglicherweise dramatischen Konsequenzen für sich selbst und andere?

Während der Diskussion ist deutlich die Irritation der anwesenden Studenten und Studentinnen zu spüren, die vor allem das naive Verhalten Marcs auslöst. Der Protagonist stürzt sich in das fremde Leben im Armenviertel Siloé, ohne viel an die Konsequenzen für sich selbst und andere zu denken. Besonders deutlich wird sein Unverständnis zum Beispiel, als Wanda ihm vorhält, er wisse gar nicht wo sie herkomme. Er entgegnet kokett, sie wisse ja auch nicht wo er herkäme. Darauf Wanda: "Hat man deine Familie auch ermordet?"

Keine Kritik an Medizinstudenten
Dieses unangemessene Verhalten führte zu der Frage einer Studentin, ob der Film den so genannten "PJ-Tourismus" hinterfragen wolle. Der Begriff unterstellt, dass PJ-Studierende mit ihrem Auslandspraktikum vorrangig eine abenteuerliche Zeit in exotischen Ländern erleben wollen und weniger den ernsthaften Versuch unternehmen, Land, Leute und Lebensverhältnisse der Gastländer genauer kennenzulernen und besser zu verstehen. Dass sie die lokalen Verhältnisse ausnutzen, um teilweise auf Kosten armer und wehrloser Patienten praktische Erfahrungen zu sammeln.
Die Frage verneint der Regisseur: "Der Film übt keine Kritik an Medizinstudenten, die ins Ausland gehen." Die Medizinstudentin erwidert daraufhin, man könne der Hauptfigur doch einiges vorwerfen, schließlich habe Marc nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Personen durch sein unüberlegtes Handeln geschadet. Sie kann den Chefarzt sehr gut verstehen, der im Film recht schroff und unfreundlich wirkt. Denn er beäugt den deutschen PJler skeptisch und äußert unter anderem Kritik an Marcs Drogenkonsum.

Die nächste Frage thematisiert eine Szene im Film, in der Marc sich weigert, einen Patienten zu behandeln, den er als Mörder verdächtigt. Kurz zuvor war einer seiner Freunde möglicherweise genau von diesem Mann erschossen worden. Eine junge Studentin wollte wissen, ob die Situation wirklich vorgekommen sei. Mark Weller verneint dies und weist darauf hin, dass sich ein Arzt diese Frage - ob ein Patient eine Behandlung verdiene oder nicht - gar nicht erst stellen dürfe. Im Film wird Marc aufgrund dieser Weigerung vom Chefarzt des Krankenhauses verwiesen.
Eine andere ethische Frage, mit der Mark Weller während seines Auslandsaufenthalts konfrontiert wurde, war: Hat es in manchen Situationen nicht kompetentere Ärzte gegeben als ihn? Hat er aus dem egoistischen Motiv, etwas lernen zu wollen, auf Hilfe oder die Übergabe an einen kompetenteren Kollegen verzichtet und die Behandlung selbst durchgeführt? Damit kehrt die Diskussion erneut zum Thema "PJ-Tourismus" und der Frage nach der Verantwortung des Lernenden zurück, insbesondere in Ländern, die von Armut und starken sozialen, kulturellen und ökonomischen Unterschieden gekennzeichneten sind.

"Alles, was ich wollte, hat sich erfüllt"
Viele der Anwesenden interessieren sich für Marks Motivation, überhaupt ins Ausland gegangen zu sein. Der Anästhesist betont, dass nicht "missionarischer Eifer", sondern der Wunsch praktische Erfahrungen zu machen und neue Dinge zu sehen für ihn im Vordergrund gestanden sei. Er wollte raus aus Deutschland, "wo man mit 20 Studenten um ein Patientenbett steht." Auf die Frage, wie er seine Erlebnisse rückblickend bewertet, entgegnet er: "Alles, was ich wollte, hat sich um ein Mehrfaches erfüllt."
Das einzige, was er vielleicht anders machen würde, wäre, vorher mehr zu planen und sich etwas besser vorzubereiten. Er bereue aber nichts. Zuletzt stellt jemand die Frage, ob er Studenten, die zurzeit einen Auslandsaufenthalt planen, etwas mit auf den Weg geben möchte. An der Stelle hebt er noch einmal hervor, dass die Balance zwischen Mut und Risiko und der Notwendigkeit, trotzdem alles im Rahmen zu halten, die entscheidende Kunst sei.

Infos zum Film
Bedauerlich war, dass der Film nicht wie geplant - und von Tom Schreiber vorgeschlagen - in der spanischen Originalversion gezeigt werden konnte. Denn mit der spanischen Sprache kommt sowohl das lokale Ambiente als auch das Gefühl der Fremdheit, das Marc empfunden hat, wesentlich besser zum Ausdruck als durch die deutsche Synchronfassung. Besonders interessierten Studierenden kann zudem das "Making Of" des Bonusmaterials der DVD empfohlen werden, in dem unter anderem die Arbeit in Siloé geschildert wird - mit vielen eindrucksvollen Statements der Schauspieler, die zum großen Teil aus Siloé selbst stammen und in Workshops auf die Mitarbeit im Film vorbereitet wurden.

Ausbildungskonzept "Medicina intercultural"
Die Veranstaltungsreihe "Interkulturelle Medizin - Medizin in Lateinamerika" des Instituts für Geschichte der Medizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen ist ein Angebot an MedizinstudentInnen mit Interesse an Medizin und medizinischem Handeln in fremden soziokulturellen kulturellen Kontexten. Seit Januar 2009 unterhält die Gießener Universität dazu Hochschulpartnerschaften mit zwei Universitäten in Ecuador und Peru, die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert werden: Pontificia Universidad Católica del Ecuador in Quito und Universidad Nacional Mayor de San Marcos in Lima.
Die Kooperation hat zum Ziel, interkulturelle Lehrangebote an allen drei Universitäten zu fördern und gemeinsam neue Ausbildungskonzepte auf der Basis der "Medical Humanities" zu entwickeln. Neben Geschichte, Ethnologie und Ethik der Medizin sind mit diesem Begriff vor allem Literatur, Film (z.B. Dr. Alemán) und Kunst in der Medizin gemeint. Der Kinoabend mit Dr. Alemán hat gezeigt, welches Potential die Arbeit mit ausgewählten Spielfilmen besitzt.

Für Studierende bietet die Zusammenarbeit mit den lokalen Universitäten vor allem folgende Vorteile: Auslandsemester, Famulatur oder PJ-Teritial sind eingebettet in die akademischen Strukturen vor Ort, mit Kontakt zu einheimischen Kommilitonen und Betreuung durch Dozenten. Gleichzeitig erhalten sie Einblick in die Projekte der Partneruniversitäten zur Anpassung der Medizinausbildung an die realen Lebensverhältnisse der Menschen in Ecuador und Peru: Praktika in Armutsvierteln wie in Silóe, sowie in ländlichen und indianisch geprägten Regionen, vermitteln ein andere und wesentlich differenziertere Eindrücke und Erfahrungen als eine selbst organisierte Famulatur - vor allem auch im Hinblick auf die Sichtweisen, Kompetenzen und das Engagement der einheimischen Ärztinnen und Ärzte, die sich für die Arbeit in genau diesen Kontexten entschieden haben.

Quelle: http://www.thieme.de/viamedici/aktuelles/artikel/dr-aleman-filmabend.html, 13.01.2010, von Rosa Hollekamp

Dienstag, 26. Januar 2010

Schavan knackt das Sparschwein

Das so genannte BAföG soll erneut steigen. Dies hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan diese Woche angekündigt. Sie will im Herbst 2010 einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen. Dabei sollen die Freibeträge um weitere 3 Prozent und die Bedarfssätze um 2 Prozent angehoben werden. Es soll aber auch strukturelle Änderungen geben.

Wurde bislang nur bis zum 30. Lebensjahr gefördert, so soll das Eintrittsalter für den Beginn eines Masterstudiums künftig auf 35 Jahre angehoben werden. Damit sollen die Studierenden ermutigt werden, den frühen berufsqualifizierenden Bachelor-Abschluss für den Berufseinstieg zu nutzen, ohne sogleich die Chance auf Förderung eines später aufgenommenen Masterstudiums zu verlieren. Zudem soll künftig der Nachweis von Leistungspunkten nach dem European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) auch für das Ausbildungsförderungsrecht genügen. Dadurch werde das bisherige Leistungsnachweisverfahren erheblich vereinfacht, so das Bundesbildungsministerium.
Beim erstmaligen Fachrichtungswechsel soll künftig durchgängig mit hälftigem Zuschuss und hälftigem Staatsdarlehen gefördert werden. Bislang wird zum Förderungsende hin für die Dauer der aus dem früheren Studium nicht angerechneten Semester auf Bankdarlehen zurückgegriffen.
Um die individuelle Entscheidung für die Familien- und Ausbildungsplanung zu erleichtern, soll für ein Hinausschieben der Altersgrenze wegen Kindererziehungszeiten auf die hierfür bisher geforderte Maximaldauer von 3 Jahren zwischen Abitur und Studienbeginn oder Beginn der Kindererziehung verzichtet werden. Mit dem neuen Gesetz soll die Förderungsmöglichkeit auch denjenigen erhalten bleiben, die erst kurz vor Erreichen der BAföG-Altersgrenze ihren Kinderwunsch erfüllen wollen, ohne zuvor bereits eine förderungsfähige Ausbildung aufgenommen zu haben.

Quelle: news.doccheck.com, Bundesministerium, 15.01.2010

Studienabbrecher: Warum es Studenten aus der Kurve trägt

Etwa jeder fünfte Student lässt den Abschluss sausen. Die Gründe dafür haben sich im letzten Jahrzehnt deutlich verändert, wie eine neue Studie zeigt: In Bachelor-Studiengängen bringt Prüfungs- und Leistungsdruck viele Studenten ins Wanken, Geldsorgen geben ihnen dann oft den Rest.
Es ist ein anhaltendes Jammern und Wehklagen unter Verbänden, Studenten, Dozenten und Parteien fast jeder Couleur: Das Bachelor-Studium ist grausam, schlecht ausgedacht, mies umgesetzt und der Druck enorm. Den protestierenden Studenten war es im Herbst und Winter gelungen, mit massiven Unmutsäußerungen und Hörsaalbesetzungen dem Thema überraschend viel Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Nach dem lauten Winter räuspern sich in Hannover die nüchternen Statistiker des Hochschul-Informations-Systems (HIS), die unaufgeregt Zahlen zu den Problemen beim Bachelor-Studium gesammelt haben. Ihr Ergebnis stützt die Kritiker, die Bachelor- und Masterstudiengänge für einen Problemhaufen halten. Nach den HIS-Erkenntnissen stoßen Studenten in den neuen Studiengängen vermehrt an ihre Leistungsgrenzen, scheitern öfter in Prüfungen und brechen früher ab als zuvor üblich. Und auch Geldmangel spielt eine große Rolle.
Befragt haben Hochschulforscher Ulrich Heublein und seine Mitarbeiter insgesamt 2500 Studienabbrecher im Studienjahr 2008, an 54 Universitäten und gut 33 Fachhochschulen. Ein Drittel der Aussteiger studierte bereits auf Bachelor, der Rest auf Diplom oder Magister.



Der Druck auf die Studenten wächst
Nun könnte man sagen: Ist doch alles halb so schlimm, denn etliche Beispiele prominenter Uni-Deserteure von Bill Gates und Steve Jobs über Wim Wenders bis zu Günther Jauch zeigen ja, dass es vom Abbruch bis zum Durchbruch oft nicht weit ist und es durchaus ein Leben gibt ohne Uni und nach einem Studienversuch. Stimmt schon, aber für jeden einzelnen Studienabbrecher bedeutet die Entscheidung einen tiefen Einschnitt. Und auch für jede Hochschule ist die Erfolgsquote ihrer Studenten ein Indiz, was dort das Studium taugt.



Die Forscher wollten wissen: Was waren die Gründe, das Studium aufzugeben? Die Ergebnisse verglichen sie mit den Antworten aus dem Jahr 2000 - also einer Zeit, in der vom Bachelor- und Masterstudium nur in Amtsstuben gesprochen wurden, die Studenten aber noch weitgehend unbehelligt von Stress und Studiengebühren im alten System studieren konnten.
Studienabbruch ist für Hochschulforscher ein ziemlich verzwicktes Thema, weil sich "echte" Abbrecher statistisch nicht simpel trennen lassen etwa von Studiengang- oder Studienort-Wechslern. Die Abbrecherquote fällt darum deutlich niedriger aus als die "Schwundquote", gemessen an jenen Studienanfängern, die aus den verschiedensten Gründen ihr zunächst angestrebtes Studienziel nicht erreichen. Zudem weisen die HIS-Experten stets darauf hin, dass eine Abbruch-Entscheidung nicht allein durch ein einziges Motiv bestimmt wird; in der Regel spielen mehrere Gründe zusammen.

Überforderung lässt die meisten Abbrecher hinwerfen
Dennoch sind die Veränderungen bei den wichtigsten Motiven auffällig. So hat sich die Quote der Überforderten unter den Abbrechern an deutschen Hochschulen zwischen dem Jahr 2000 und 2008 deutlich erhöht. Als Hauptgrund für einen Studienabbruch geben inzwischen 31 Prozent der Abbrecher Leistungsprobleme oder Prüfungsversagen an. Vor der Einführung der neuen Abschlüsse lag diese Quote nur bei 20 Prozent.
Stärkster Wandel: Im Jahr 2000 lautete der wichtigste Grund für einen Studienabbruch noch "berufliche Neuorientierung" (19 Prozent der Abbrecher), war also eher eine Frage der Neigung. 2008 lag diese Motivation abgeschlagen auf Rang sechs mit nur mehr zehn Prozent. Sowohl "mangelnde Studienmotivation" (18 Prozent) als auch Unzufriedenheit mit den Studienbedingungen (12 Prozent) wurden 2008 häufiger als Abbruch-Gründe genannt als acht Jahre zuvor.
Knapp ein Fünftel der Abbrecher im Jahr 2008 gab außerdem an, sich aus finanziellen Gründen vom Ziel Hochschulabschluss verabschieden zu müssen. Die Geldsorgen sind nach Leistungsproblemen der zweitwichtigste Hinderungsgrund, haben sich aber, anders als die Leistungssorgen, nur geringfügig verschärft.

Im Bachelorstudium fällt die Entscheidung schneller
Für Bachelor-Abbrecher sind Geldsorgen hingegen seltener ein Grund hinzuwerfen, einfach weil sie viel früher scheitern: Geben die Studenten der alten Studiengänge im Durchschnitt nach gut sieben Semestern auf, werfen Bachelor-Abbrecher schon nach etwas mehr als einem Jahr die Flinte ins Korn - was auch an Unterschieden zwischen den Fächern liegen könnte: Die Rechtswissenschaften etwa verzeichnen traditionell sehr hohe Durchfallquoten, Jura-Studenten scheitern oft erst ganz am Ende des Studium an den Examensprüfungen. Auf Bachelor aber studiert bisher kaum ein Jurist.
Die Differenzen zwischen den akademischen Disziplinen sind groß. Wie schon frühere Untersuchungen ergaben, hat der Bachelor den Geistes- und Sozialwissenschaften in punkto Abbrecherzahlen eher gut getan: Weit weniger Studenten scheitern an diesen Fächern, die sich früher durch große Freiheiten im Studium auszeichneten und heute vielfach als verschult kritisiert werden. "Für die Abbrecherquoten in Sprach-, Geistes- und Kulturwissenschaften war die Studienreform segensreich", sagte Studienautor Ulrich Heublein SPIEGEL ONLINE.
Besonders hart ist das Bachelor-Studium dagegen offenbar für Studenten der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Am ärgsten trifft es die Studenten der Fächer Elektrotechnik, Maschinenbau, Mathematik, Physik und Chemie. Die Abbrecherquoten seien hier in den Bachelor-Studiengängen "anhaltend hoch" und viel höher als bei den Diplom-Studenten, so Heublein. Den Hochschulen sei es bisher kaum gelungen, daran etwas zu verbessern - ein Indiz für zu vollgestopfte Studiengänge.

"Beleg, wie verkorkst die Bachelorstudiengänge sind"
Eine neue Gesamtquote der Abbrecher weisen die Wissenschaftler um Heublein für 2008 nicht aus. Sie wird nach wie vor mit 21 Prozent aus dem Jahr 2006 angegeben, damit schneidet Deutschland im Ländervergleich der OECD nicht schlecht ab. Der Wert könnte mit der Bachelor-Umstellung gestiegen sein - was eine Niederlage für die Bologna-Befürworter wäre, denn die Senkung der Abbrecherzahlen gehörte zu den Reformzielen.
Der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Rolf Dobischat, bekräftigte angesichts der hohen Abbrecherquote wegen finanzieller Probleme seine Forderung nach einer regelmäßigen Bafög-Erhöhung. "Die Studienfinanzierung ist neben der Überforderung noch immer einer der Knackpunkte, an dem Studierende scheitern. Umso wichtiger ist es, mit einer verlässlichen und ausreichenden staatlichen Studienfinanzierung gegenzusteuern", sagte er.
Dass nur zwölf Prozent der Studienabbrecher durch schlechte Studienbedingungen aus dem Studium gedrängt werden, sei "insgesamt ein gutes Zeugnis" für das deutsche Hochschulsystem, sagte der parlamentarische Bildungsstaatssekretär Helge Braun (CDU). Wichtig sei, dass die Studenten besser auf ihr Studium vorbereitet würden und nicht mit falschen Erwartungen an die Hochschulen kämen.
Nicole Gohlke, hochschulpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, nahm die HIS-Untersuchung zum Anlass, die neuen Studienabschlüsse erneut zu kritisieren: "Die Ergebnisse belegen, wie verkorkst die neuen Bachelorstudiengänge sind." Die Zahl an Abbrüchen aufgrund der gestiegenen Anforderungen und Belastungen sei hier deutlich höher als in den herkömmlichen Studiengängen. Mit den gestiegenen Belastungen gehe einher, dass die Studierenden weniger Möglichkeiten hätten, während des Studiums zu arbeiten, um sich finanzieren zu können.

Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,671595,00.html, 12.01.2010,
von Christoph Titz

Dienstag, 17. November 2009

Verschulte Studiengänge, verfehlte Ziele

Gut zehn Jahre nach Unterzeichnung der Bologna-Erklärung weisen nach der Wahrnehmung der betroffenen Studenten und Professoren die verantwortlichen Bildungspolitiker jede Verantwortung für die beanstandeten Fehlentwicklungen von sich. Tatsächlich hat jüngst Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) die Länder aufgefordert, die nötigen Korrekturen an den neu konzipierten Bachelor- und Masterstudiengängen rasch vorzunehmen. Die zuständigen Wissenschaftsminister dagegen sehen die Schuld bei den Hochschulen. Die Hochschulrektorenkonferenz wiederum, welche die Umstellung mit am vehementesten begrüßt hat, schweigt oder beklagt die Unterfinanzierung der Hochschulen.
Grundidee des Bologna-Prozesses war die Herstellung eines europäischen Hochschul- und Wirtschaftsraums, der die Abschlüsse vergleichbar machen und die Mobilität der Studenten und Hochschullehrer erleichtern sollte. Von einer völligen Angleichung ist in der Bologna-Erklärung aus dem Jahre 1999 allerdings nicht die Rede, sondern von Vergleichbarkeit und Vereinbarkeit (“comparable and compatible“).
Die wesentlichen Prinzipien der Erklärung sind die Arbeitsmarktorientierung der vorher akademischen Lehre, der konsekutive Aufbau von berufsqualifizierenden Bachelor- und wissenschaftsorientierten Master-Studiengängen und die Förderung der Mobilität. Politisch erhoffte man sich durch eine Verschulung der Studiengänge geringere Abbrecherquoten und eine Verkürzung der Studienzeiten. Beides ist bisher nicht erreicht worden. Auch von der Möglichkeit eines Studienortswechsels wird weniger häufig Gebrauch gemacht, selbst ein Wechsel innerhalb desselben Bundeslands kann sich schwierig gestalten. Denn jeder Fachbereich hat eigene, spezifizierte Module ausgearbeitet, also kleine Studieneinheiten, für die eine bestimmte Anzahl sogenannter Credit-Points zu erreichen ist. Auch ein Wechsel ins angelsächsische Ausland ist trotz der formal ähnlichen Struktur der Studiengänge nicht leichter geworden: Der dortige Bachelor ist häufig auf vier Jahre angelegt, der deutsche meist auf drei. Bisher wurde das dreizehnte Schuljahr oft anerkannt, mit den zwölfjährigen Abschlüssen werden sich die Schwierigkeiten verschärfen.
Im Unterschied zur Studentenrevolte Ende der sechziger Jahre sind jetzt Studenten und Hochschullehrer vereint in ihrer Kritik am System. Es gibt kaum ein Fach, das sich zur Modularisierung gedrängt hätte, die meisten wurden durch die Finanzzuweisungen des zuständigen Wissenschaftsministeriums dazu gezwungen. Wer sich weigerte, musste mit einer Einstellung sämtlicher Zahlungen rechnen.
Was sich in den Studentenprotesten, die an diesem Dienstag einen ersten Höhepunkt finden sollen, spiegelt, ist jedoch nicht nur die Unzufriedenheit mit verschulten Studiengängen und einer Prüfungsinflation. Auch die Finanzierung des Hochschulsystems hat nicht Schritt gehalten mit der von allen Bildungspolitikern als Ziel verfolgten OECD-Quote von 40 Prozent Studienanfängern. Folge davon ist eine unzureichende Betreuungslage, die sich im konsekutiven Studienmodell noch negativer bemerkbar macht als im herkömmlichen.
Während das Betreuungsverhältnis an renommierten Hochschulen in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten bei 1:10 liegt (ein Professor für zehn Studierende), bewegt sich die durchschnittliche Betreuungsrelation in Deutschland bei 1:66. In manchen Fächern sieht es noch schlechter aus, in kleineren Fächern besser. Deutschland liegt bei den Ausgaben je Student nach Angaben der OECD gerade noch vor Mexiko und Nigeria. Bei den Absolventenausgaben indessen liegt es auf dem vierten Platz. Das wird als ein Hinweis auf die hohe Ineffizienz der derzeitigen Studienbedingungen gesehen.
Als der Wissenschaftsrat vor einem Jahr seine Empfehlungen zur universitären Lehre veröffentlichen wollte, musste er den Veröffentlichungstermin vier Mal verschieben, weil die Finanz- und Wissenschaftsminister den erhöhten Finanzierungsbedarf für die Hochschulen nicht schwarz auf weiß bescheinigt haben wollten. Es fehlen den Hochschulen keineswegs nur zwei bis drei Milliarden Euro, wie damals bekanntgegeben wurde. Tatsächlich liegt der Bedarf viel höher, vorausgesetzt, die Verantwortlichen wollen die Studentenquote nicht einschränken, was unwahrscheinlich ist.
Ein Ausweg aus der Krise wird nicht nur in einer höheren Grundfinanzierung gesehen, sondern auch in einer umfassenden Deregulierung, vor allem in den Landes-Hochschulgesetzen. Ein Bachelor etwa muss nicht nur sechs Semester dauern, er könnte in Zukunft auch bis zu acht Semester in Anspruch nehmen. Debattiert wird auch, ob sich bei der Korrektur der Module die gleichen Fachbereiche mehrerer Universitäten in Deutschland zusammentun sollen, damit zumindest die Mobilität im Land gesichert ist. Dass das möglich ist, zeigen schon abgeschlossene Vereinbarungen mit ausländischen Partneruniversitäten. Schließlich wird überlegt, die Evaluationen höchstens alle zehn Jahre vorzunehmen und die Akkreditierung von Studiengängen einzuschränken, um fast ausschließlich mit Evaluation, Begutachtung und Verwaltung beschäftigten Hochschullehrern wieder Zeit für die Forschung zu verschaffen.

Quelle: FAZ, 17.11.09

Gegen Kopfnoten und Studiengebühren

Köln/Düsseldorf. Mit Demonstrationen und Protestaktionen wollen Schüler und Studenten heute in zahlreichen NRW-Städten für Veränderungen im Bildungssystem werben. Nach Angaben einer Sprecherin des Organisationskomitees «Bundesweiter Bildungsstreik» sind unter anderem Proteste in Bochum, Bonn, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln und Wuppertal geplant. Demnach werden landesweit Tausende Teilnehmer erwartet. Die Schüler wenden sich etwa gegen Kopfnoten, die Studenten lehnen Studiengebühren ab. In der vergangenen Woche bereits hatten Studenten Hörsäle besetzt. 
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat angesichts der Studentenproteste betont, dass Bildung auf der Agenda der neuen Bundesregierung Priorität hat.«Die Bundesregierung wird in den nächsten vier Jahren zwölf Milliarden Euro in die Bildung investieren, und die kommen zu einem hohen Prozentsatz auch den Hochschulen zugute», sagte sie am Dienstag im Deutschlandfunk. «Bildung steht ganz oben.»
Schavan äußerte teilweise Verständnis für das Anliegen der Studenten. «Den Punkt der Verbesserung der Lehre teile ich.» Bei der Umsetzung der Hochschulreform habe es handwerkliche Fehler gegeben. Die Ministerin unterstrich aber auch, dass trotz der Wirtschaftskrise in Deutschland noch nie so viel in Bildung investiert worden sei wie zur Zeit.
Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) unterstützte die Studenten. «Ich habe viel Verständnis für die Forderung gegen Studiengebühren und für einen Ausbau des BAFöG», sagte er im ZDF- «Morgenmagazin».
In mindestens 35 Städten planen Studenten heute Demonstrationen und Blockaden. Sie begründen ihren Protest mit überlasteten Studiengängen, sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem, der chronischen Unterfinanzierung der Universitäten sowie Mängeln bei der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse.
An der RWTH Aachen hat sich die Lage entspannt. Das Aktionsbündnis Bildungsstreik Aachen, das seit Donnerstag einen Hörsaal besetzt hielt, hat diesen heute Morgen geräumt. Ein Demonstrationszug soll sich um 13 Uhr am Theaterplatz in Gang setzen. 

Quelle: Aachener Nachrichten Online, 17.11.09

Dienstag, 27. Oktober 2009

Der Bachelor darf länger dauern

Kultusminister fordern Hochschulen zu Flexibilisierung auf

Die Kultusminister haben sich bei ihrer Tagung in Waren an der Müritz auf Veränderungen am System der Bachelor- und Master-Studiengänge geeinigt. Sie reagierten damit auf die Klage von Studenten wie Professoren über die Überfrachtung der Studiengäng, die starre Handhabung der Bachelor-Studiengänge in ihrer Dauer und die Verschlechterung der nationalen wie internationalen Mobilität. 
Die Kultusminister forderten die Hochschulen deshalb dazu auf, die vorhandene Bandbreite der Regelstudienzeiten für den Bachelor-Studiengang auszuschöpfen, der sechs, sieben oder acht Semester dauern kann. Auch sollten die Hochschulen die Studieninhalte im Rahmen der Reakkreditierung der Studiengänge überprüfen und mögliche Stofffülle reduzieren. Darüber hinaus sollen die Hochschulen sogenannte "Mobilitätsfenster" einplanen, also Möglichkeiten zum Wechsel an eine andere Hochschule im In- oder Ausland. Bei der gegenseitigen Anerkennung von Studien- oder Prüfungsleistungen dürfe es nicht um gleichartige, sondern nur um gleichwertige Ergebnisse gehen. 
Die Hochschulen werden also dazu aufgefordert, die Anerkennung in Zusammenarbeit mit den Fakultätentagen des jeweiligen Faches großzügiger zu handhaben, damit ein Wechsel leichter möglich wird. Solche Anerkennungsvereinbarungen ließen sich auch mit ausländischen Partnerhochschulen schaffen, meinen die Kultusminister. Vom Akkreditierungsrat und den Akkreditierungsagenturen, die in regelmäßigen Abständen alle neuen Studiengänge zulassen und schon vorhandene für hohe Summen reakkreditieren, erwarten die Kultusminister, jedes Studienprogramm darauf zu überprüfen, ob die Studieninhalte sinnvoll definiert sind, der Studiengang in der vorgesehenen Semesterzahl abgeschlossen werden kann, nicht zu viele Prüfungen vorgesehen sind und die Ziele des Studiums auch wirklich erreicht werden. ...


Quelle: FAZ, 17.10.09


Was ist eure Meinung zum Modellstudiengang Medizin? 
Ist er überladen? Schafft ihr die Regelstudienzeit?
Sind eure Studieninhalte sinnvoll definiert?
Wart ihr schon einmal im Ausland?
Hättet ihr Interesse daran, die Hochschule zu wechseln?


Schreibt uns eure Meinung zu Bachelor und Master!