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Dienstag, 23. März 2010

Apples iPad Die Medizin im digitalen Fieber


04. Februar 2010 Es geht ein Gerücht um in der Gesundheitsindustrie: Offizielle des Computergiganten Apple seien vor wenigen Tagen, just als Apple-Chef Steve Jobs der Welt seinen klavierlackfarbenen Tafelcomputer iPad präsentierte, in einer Großklinik in Los Angeles vorstellig geworden. Klar, was nun spekuliert wird: Könnte es sein, dass Apple die Medizin zu revolutionieren plant? Die Wette läuft, erste Umfragen unter Klinikern und Pharmazeuten gibt es schon. Noch hat zwar keiner eines der neuen Geräte in der Hand gehalten, aber jeder hat eine Meinung.
John David Halamka von der Harvard Medical School hält die tastaturlose Digitaltafel zwar für etwas zu groß geraten, um sie locker im Arztkittel herumzutragen, "das Gerät dürfte auch schwer zu desinfizieren sein und wenig tolerant, wenn es auf den Krankenhausboden knallt" - grundsätzlich aber sei es einen Pilotversuch im Klinikalltag wert. Für Steve Woodruff, einen einflussreichen amerikanischen Pharmaberater und Medizinunternehmer, wird das iPad mit seinen zigtausend möglichen Applikationsprogrammen zur Schlüsselstelle in der Krankenhauskommunikation und darüber hinaus der ideale Datenumschlagplatz, die mobile Multimedia-Informationsquelle für Arzt und Pfleger, das Tor zu sämtlichen elektronischen Gesundheitsdatenspeichern.

Im Krankenzimmer . . .

In die Hände der Ärzte wie der Patienten: das iPad ist eine der digitalen Zukunftaussichten der Medizin
"Stellen Sie sich vor, in jedem Krankenzimmer hängt so ein Gerät. Ein Arzt kommt herein, mit einem iPhone ausgerüstet, ein Signal zum iPad, ein schneller biometrischer Fingerscan, und schon ist der Doktor im System. Er hat sofort alle Daten verfügbar, die er für die Visite braucht. Verlässt der Arzt den Raum, so nach ein paar Metern, trennt sich die Verbindung automatisch, und die Patientenakte ist wieder sicher verstaut." So klingt es, wenn sich Gesundheitsmanager den Klinikalltag von morgen ausmalen. Ist das aber realistisch? Und vor allem: Will der Patient das auch? Die Antwort lautet: Keiner weiß es, aber alle gehen fest davon aus.
Zumindest im Geburtsland des iPad. An der University of California in Davis und in der Klinik von Sacramento werden zur Zeit einfachere Tablet-PCs gestestet, in vielen amerikanischen Krankenhäusern werden konventionelle Laptops und Monitore auf Rollwagen durch die Klinikflure geschoben, und das iPhone hat sich als schneller mobiler Internetzugang und Datenspeicher bei amerikanischen Doktoren schon etabliert. Seitdem der vor einem Jahr in Kraft getretene "Hitech Act" (Health Information Technology for Economic and Clinical Health Act) greift, ein Gesetz zur beschleunigten Einführung von elektronischen Gesundheitsakten, gibt es massiv Anreize, eine digitale Verwaltungsreform voranzutreiben.
New Yorker Kliniken wie das North Shore Hospital bieten Landärzten bis zu vierzigtausend Pfund und großteils Kostenübernahme für die Teilnahme an ihrem "E- Health"-Netzwerk. Die nationale Gesundheitsbehörde von Amerika - die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) - ermuntert die Mediziner zum digitalen Abenteuer: In ihren soeben veröffentlichten "Social Media Tools Guidelines and Best Practices" wirbt sie für soziale Internetforen als "machtvolles Werkzeug, sein Publikum mit strategischen, effektiven und anwenderorientierten Eingriffen" zu erreichen. Die Ärzte sollen twittern, simsen, Videoclips ins Netz stellen, Daten managen und sich als Arzt in virtuellen Welten profilieren - Nachhilfe in technischen Dingen inklusive.

. . . und auch im OP

Die Aufbruchstimmung ist mit Händen zu greifen. Mit einem geradezu beschwingten Beitrag in der Zeitschrift "Science Translational Medicine" hat Eric Topol vom Scripps Research Institute in der vergangenen Woche die unaufhaltsame "Ära der drahtlosen Digitalgeräte in der Medizin" begrüßt. An die Stelle von Karteikasten, Telefon und stationären Apparaten trete die mobile drahtlose Gesundheitsüberwachung. Hierzulande nennt man das noch Telemedizin oder spricht über medizinische Assistenzsysteme und tut so, als habe man es immer noch mit einer virtuellen Spezialdisziplin der Radiologie zu tun, während man in Amerika die digitale Runderneuerung der Medizin offensichtlich im Überschwang betreibt.
Beispiel Twitter: Als Ende August am St. Luke's Hospital in Cedar Rapids (Iowa) einer siebzigjährigen Frau die Gebärmutter entnommen wurde, dokumentierte eine Schreibkraft im Operationssaal jeden Schnitt und jeden Kommentar der Ärzte mit Kurznachrichten, die in die weite Welt des Netzes hinausposaunt wurden. Sätze wie: "Lokale Betäubung an der Einstichstelle, jetzt der erste Stich." Am Ende waren es 300 Tweets. Der Live-Netzdienst, den die Klinik "zur medizinischen Aufklärung" genutzt sehen wollte, hat in Deutschland nur Kopfschütteln erzeugt. Die Chirurgen warnen vor einem "gefährlichen Trend". Im OP-Saal habe niemand etwas zu suchen, der dort nicht für die Behandlung des Patienten gebraucht werde. Was, so fragte Hartwig Bauer von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, wenn Komplikationen auftreten? "Der plötzliche Stopp des Informationsflusses könnte die Angehörigen unnötig aufregen."

Datensätze online auswerten

Dass es bei dem Ganzen tatsächlich nicht mehr um Sperenzchen von ein paar Marketingexperten oder Informatikfreaks handelt, muss inzwischen jedem klar sein. Tom Mitchell von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh hat jüngst die Szenarien der Datengewinnung skizziert. "Am Horizont erscheint ein globales Datennetzwerk, das den Großteil der Menschheit überwachen wird." Mitchell denkt an die Erfahrungen amerikanischer Kollegen, die vor wenigen Monaten über den Informationsfluss während der Schweinegrippe-Ausbreitung berichteten ("Nature", Bd. 457, S. 1012).
Indem man online gleichzeitig Millionen individueller Datensätze der Gesundheitsbehörden auswertet, kann man in wenigen Stunden für jede Region des Landes die Ankunft der Erreger voraussagen, und zwar deutlich schneller als mit den Infektionsprognosen der CDC. Das Media Lab des Massachusetts Institute of Technology und das Children's Hospital in Boston hatten das Szenario - diesmal drahtlos - mit einem kleinen iPhone-Programm namens "HealthMap" durchgespielt. Jeder Nutzer der Software konnte H1N1-Infektionen melden und Infektionskarten abrufen. Hunderttausende nutzten oder speisten auf dem Höhepunkt der Infektionswelle den mobilen Datenfluss.
Die wissenschaftliche Auswertung steht noch aus. Überhaupt sind viele der mobilen Informationsträger und -generatoren, die in diesen Tagen die Phantasie der Mediziner beflügeln, noch Pilotprojekte oder Prototypen aus den Informatikerwerkstätten. An der University of California in Los Angeles ist der "MediSens Wireless" entwickelt worden, ein Körpersensor, der laufend Daten über muskuläre und neuronale Funktionen übermittelt. In einer klinischen Studie wird gerade getestet, ob sich damit frühe Stadien der Parkinsonkrankheit ermitteln und der Krankheitsverlauf überwachen lässt. Das Montreal Heart Institute hat einen ferngesteuerten Herzschrittmacher im Programm, der nicht nur Herzrhythmusstörungen erkennt und per elektronischem Stimulus beheben soll, sondern die Kliniken und behandelnden Arzt ununterbrochen mit aktuellen Echtzeit-Daten füttert. Taiwanische Medizintechniker wollen einen Fingerring entwickelt haben, der laufend die Temperatur überwacht und eine sich anbahnende Panikattacke bei Angstpatienten durch Übermittlung der entsprechenden Daten zu erkennen vermag.

Jedermann sein eigener digitaler Gesundheitsmanager

Beinahe jede Facette des Lebens lässt sich messen und aufzeichnen, mit Beschleunigungs-, Druck und Biosensoren, mit Mikrofonen und Kameras - gekoppelt mit Mobilfunkdaten oder GPS-Signalen, kennt die Verwertungskette der Gesundheitsdaten kein Ende.
Was aber ist mit der Patientensicherheit, mit der Gewährleistung von informationeller Selbstbestimmung? Eine Herausforderung, an der letztlich die Einführung der Gesundheitskarte bisher gescheitert ist. Die Weltgesundheitsorganisation hat kürzlich zusammen mit sieben weiteren großen Förderern des öffentlichen Gesundheitssektors in der Zeitschrift "Plos Medicine" die "Entwicklung einer globalen Gesundheitsdaten-Architektur" gefordert. Der Austausch von Daten, Statistiken und Algorithmen müsse weltweit forciert und die Nutzung erleichtert werden.
Schutz der Privatsphäre? Ein absolutes Randthema in dem Partnerschaftsappell der öffentlichen Gesundheitswächter. Nicht so offensichtlich für die beiden Großunternehmen Microsoft und Siemens. Sie haben jetzt angekündigt, gemeinsam in Deutschland eine Online-Plattform aufzubauen, eine Art Gewölbekeller für Gesundheitsdaten, genannt "Health Vault", in der jedermann jede Art von Gesundheitsdaten - manuell oder automatisiert - speichern, verwalten und austauschen können soll. Über eine verschlüsselte Verbindung sollen die Daten via Internet abrufbar sein. Jedermann werde sein eigener "Gesundheitsmanager" und Verwalter eines "persönlichen Gesundheitstresors". So schön können die Versprechen der digitalen Revolution klingen.

Quelle: F.A.Z., 02.03.2010, von Joachim Müller-Jung

Dienstag, 2. März 2010

Werden auf dem Land nach den Ärzten auch die Apotheken rar?

FRANKFURT/MAIN (cw). Die Landflucht der Ärzte wirkt sich derzeit noch nicht nennenswert auf die Apotheken aus. Branchenbeobachter glauben aber, dass sich das auf mittlere bis lange Sicht ändern wird. Denn es sind vor allem Hausärzte, die auf dem Land fehlen - und die veranlassen zwei Drittel aller Verordnungen, sowohl nach Menge als auch nach Wert.

Werden auf dem Land nach den Ärzten auch die Apotheken rar?

3600 Arztsitze sind unbesetzt, ließ die Kassenärztliche Bundesvereinigung zu Jahresbeginn verlauten. Auf den vorderen Plätzen: Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. Informierte Kreise wissen, dass die Ausgangsbasis für das Urteil "Ärzte fehlen" ein 110-prozentiger Versorgungsgrad ist. Damit ist die Situation weit weniger dramatisch, als es sich zunächst anhört. Tatsächliche Unterversorgung hat die KBV bis dato bundesweit in 26 von 395 Planungsbereichen festgestellt. Das betrifft vor allem Hausärzte, (fehlen in 14 Planungsbereichen), Hautärzte (6) Augenärzte (5) und Nervenärzte (1).

Bis 2017, prognostiziert die KBV, werden brutto 42 800 Vertragsarztsitze frei, jährlich mehr als 5000. Eine Nettoschätzung, aus der hervorginge, wieviele Arztsitze dann wirklich wegfallen, will die Standesvertretung zwar nicht abgeben. Doch die Bevorzugung urbaner Lagen unter medizinischen Einsteigern in die Selbstständigkeit ist ebenso ungebrochen wie die "abnehmende Bereitschaft junger Ärzte, im kurativen Bereich tätig zu werden", wie es die KBV in einem aktuellen Bericht formuliert ("Die Bedarfsplanung des ambulanten Sektors in Deutschland und die Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung").

Dem Kölner Institut für Handelsforschung zufolge sind jetzt schon mehr als 30 Prozent der Apotheken nicht mehr in der Lage, den kalkulatorischen Unternehmerlohn zu erwirtschaften, also den Betrag, den ein Apotheker als angestellter Geschäftsführer beanspruchen könnte. Spätestens bei der Nachfolger-Suche werde das zum Stolperstein.

Und die prinzipielle Abhängigkeit der Apotheken von Verordnern lässt befürchten, dass die auch die pharmazeutische Versorgung auf dem Land in absehbarer Zeit kritisch wird. Während laut KBV für Fachärzte "eine faktische Niederlassungssperre" besteht, sind Hausärzte Mangelware, für die "zahlreiche Planungsbereiche im gesamten Bundesgebiet offen sind".

Doch es sind eben die Praxen im hausärztlichen Bereich - Allgemeinärzte, hausärztliche Internisten, MVZ und letztlich auch Gynäkologen und Pädiater -, die das Gros des Verordnungsumsatzes der Apotheken veranlassen - sowohl nach Packungsmenge als auch nach Wert. Eine Analyse des Frankfurter Marktforschungsunternehmens IMS Health zeigt: 79 Prozent (absolut: 585,4 Millionen) der 2009 in öffentlichen Apotheken abgegebenen Packungen mit rezeptpflichtigen Medikamenten wurden von Ärzten der Grundversorgung verordnet. Nach Wert waren es 63 Prozent beziehungsweise 11,1 Milliarden Euro (zu Herstellerabgabepreisen).

Wann es soweit ist, dass auch von einer Landflucht der Apotheken gesprochen werden muss, ist nach Meinung der Kammern mit Gewissheit nicht zu sagen. In Westfalen-Lippe etwa habe die seit 2004 mögliche Filialisierung dafür gesorgt, dass die Apothekendichte konstant geblieben ist. "Sonst hätten wir gerade im ländlichen Raum schon 200 bis 250 Apotheken verloren", sagt Kammersprecher Michael Schmitz.

Das sieht man bei der Apothekerkammer Niedersachsen genauso. Sprecherin Anja Hugenberg verweist zudem auf demografische Effekte: "Viele Kollegen stehen kurz vor dem Eintritt in das Rentenalter, so dass wir in den nächsten Jahren eine Zunahme an Apothekenschließungen aus Altersgründen erwarten, denn viele Apotheken werden nicht mehr verkäuflich sein".

In Sachsen-Anhalt, ebenfalls unter den Top-3-Bundesländern mit freien Vertragsarztsitzen, macht man sich weniger Sorgen. Noch funktioniere die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln auch in dünn besiedelten Gebieten, weiß Kammergeschäftsführerin Dr. Christine Heinrich. Und wenn Apotheken wegfallen sollten, so Heinrich, gebe es immer noch die Möglichkeit, in der Nähe von Ärzten Rezeptsammelstellen einzurichten.
 
Quelle: Ärzte Zeitung online, 26.02.2010

Dienstag, 26. Januar 2010

Schavan knackt das Sparschwein

Das so genannte BAföG soll erneut steigen. Dies hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan diese Woche angekündigt. Sie will im Herbst 2010 einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen. Dabei sollen die Freibeträge um weitere 3 Prozent und die Bedarfssätze um 2 Prozent angehoben werden. Es soll aber auch strukturelle Änderungen geben.

Wurde bislang nur bis zum 30. Lebensjahr gefördert, so soll das Eintrittsalter für den Beginn eines Masterstudiums künftig auf 35 Jahre angehoben werden. Damit sollen die Studierenden ermutigt werden, den frühen berufsqualifizierenden Bachelor-Abschluss für den Berufseinstieg zu nutzen, ohne sogleich die Chance auf Förderung eines später aufgenommenen Masterstudiums zu verlieren. Zudem soll künftig der Nachweis von Leistungspunkten nach dem European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) auch für das Ausbildungsförderungsrecht genügen. Dadurch werde das bisherige Leistungsnachweisverfahren erheblich vereinfacht, so das Bundesbildungsministerium.
Beim erstmaligen Fachrichtungswechsel soll künftig durchgängig mit hälftigem Zuschuss und hälftigem Staatsdarlehen gefördert werden. Bislang wird zum Förderungsende hin für die Dauer der aus dem früheren Studium nicht angerechneten Semester auf Bankdarlehen zurückgegriffen.
Um die individuelle Entscheidung für die Familien- und Ausbildungsplanung zu erleichtern, soll für ein Hinausschieben der Altersgrenze wegen Kindererziehungszeiten auf die hierfür bisher geforderte Maximaldauer von 3 Jahren zwischen Abitur und Studienbeginn oder Beginn der Kindererziehung verzichtet werden. Mit dem neuen Gesetz soll die Förderungsmöglichkeit auch denjenigen erhalten bleiben, die erst kurz vor Erreichen der BAföG-Altersgrenze ihren Kinderwunsch erfüllen wollen, ohne zuvor bereits eine förderungsfähige Ausbildung aufgenommen zu haben.

Quelle: news.doccheck.com, Bundesministerium, 15.01.2010

Mittwoch, 11. November 2009

Plötzlich ging es keinen Zentimeter mehr weiter

Aachen. Zu früh gefreut: Das riesige Loch will sich einfach nicht füllen. Guten Mutes waren die Leute von der RWTH daran gegangen, ihre nach langem Hin und Her selbst entwickelten Spezialrohre 2500 Meter in Richtung Erdmittelpunkt zu treiben, doch abrupt hörte das große Geschiebe am Super C auf. 
Weil es in 1900 Metern Tiefe nicht mehr voranging, mussten mehrere hundert Meter Rohr wieder herausgekramt werden. Heute soll ein neuer Anlauf unternommen werden, die zweieinhalb Kilometer Kunststoff zu versenken - mit Gewichten unten dran. Denn ganz offensichtlich gilt in diesem Fall: Ziehen ist besser als schieben.

Dabei sah es Mitte Oktober noch sehr gut aus. Rohr auf Rohr, jedes zwölf Meter lang, wanderte in den Schacht, bisweilen schafften die Arbeiter 100 Meter pro Tag. Rektor Ernst Schmachtenberg, der an Entwicklung und Patentierung der Polypropylen-Rohre führend beteiligt war, ließ sich vor Ort erklären, dass es tüchtig vorangehe und das Erreichen der untersten Sohle nur noch eine Frage von Tagen sei. Und damit auch das ehrgeizige Geothermie-Projekt der TH endlich, endlich den krönenden Abschluss finde - heißes Wasser aus dem Untergrund soll das Super C heizen und lüften.

Mit sanften 200 bis 400 Kilo «Einbaudruck» wurden die Rohre, zuletzt per Hubzug, nach unten befördert, doch dann war plötzlich Schluss: Der per Digitalwaage gemessene Druck stieg auf anderthalb Tonnen, doch in der Gegend der 1900-Meter-Marke ging dann gar nichts mehr. Anheben, absenken, anheben, absenken - laut Projektleiter Dr. Jörg Krämer wurden um die 40 Versuche unternommen, das Unternehmen wieder flott zu bekommen. Vergeblich, immer an derselben Stelle hakte es gewaltig.

Das Ende vom Lied: Um die 600 Meter Rohr wurden wieder aus dem Loch gezerrt, zwei Tage dauerte die Arbeit. «Wir kämpfen gegen die Flexibilität des Materials an», sagt Krämer und spricht davon, dass die «Abstandshalter» zur Wand des Lochs weiter unten wohl verkleinert werden müssen. Vor allem aber will man vom alleinigen Drücken der Rohre zum gleichzeitigen Ziehen übergehen; zu diesem Zweck soll jetzt damit begonnen werden, auch mit Gewichten zu hantieren, die ziehen sollen. Gedacht ist an Packungen von 600 bis 700 Kilo.

Dass es so kurz vor dem Ziel doch wieder zu argen Problemen gekommen ist, hat die Verantwortlichen kalt erwischt. Mit der Belastbarkeit der Rohre ist man eigentlich zufrieden, «mit solchen Auswirkungen haben wir wirklich nicht gerechnet» (Krämer). Sollte auch die neue Methode nicht funktionieren, gibt es noch eine weitere Option: komplett alles ausbuddeln und nur noch mit Gewichten arbeiten. Was natürlich zusätzlich Geld und vor allem Zeit kosten würde.

Noch ist man aber optimistisch, ohne die ganz große Kehrtwende auszukommen. «Wenn ab heute alles superglatt läuft», so Krämer, «könnten wir in zehn Tagen unten sein». Allerdings weiß er mittlerweile, dass sämtliche bisherigen Terminvorstellungen «Makulatur» waren. Grundsätzlich aber herrsche Zuversicht, «es wird klappen».


Quelle: Aachener Nachrichten Online, 9.11.09

Dienstag, 27. Oktober 2009

Ärzte verzweifelt gesucht

Selten waren die Beschäftigungschancen für Mediziner so gut wie heute. Kliniken ködern die Kandidaten mit Betriebsrenten und flexiblen Arbeitsbedingungen.

Mitten in der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte geht die Arbeitslosigkeit um 10 Prozent zurück. Wo gibt es das? Im Gesundheitswesen, unter den Medizinern. Im August vergangenen Jahres hatte die Bundesagentur für Arbeit 2965 Ärzte als arbeitslos registriert. Ein Jahr später waren es nur noch 2687. Rechnet man die gegen die 4000 Stellen auf, die die deutschen Krankenhäuser nicht besetzen können, gibt es für Ärzte im deutschen Gesundheitswesen mehr als Vollbeschäftigung. Bei den Meldungen dürfte es sich auch selten um Langzeitarbeitslose handeln, sondern eher um fluktuationsbedingte Wechsel. Das betrifft vor allem angestellte Ärzte in Krankenhäusern oder im öffentlichen Gesundheitsdienst; Niedergelassene können als Angehörige eines freien Berufs per Definition nicht arbeitslos werden.
So gut waren die Beschäftigungschancen für Ärzte lange nicht. Im "Deutschen Ärzteblatt" füllen die Stellenanzeigen regelmäßig 100 oder mehr Seiten. Es gibt Kliniken, die in einzelnen Abteilungen nur die Hälfte ihrer Mediziner-Planstellen besetzen können. Andere stellen die Behandlung von Patienten nur deshalb nicht ein, weil ausländische Fachkräfte in wachsender Zahl mit Hand anlegen. 21 784 von 320 000 registrierten Ärzten kamen im Jahr 2008 nicht aus Deutschland - die Tendenz ist steigend. 
Noch nie habe sich ein Angebotsmarkt mit Zigtausenden arbeitslosen Ärzten, wie man ihn noch vor zehn Jahren beklagt habe, in ähnlich rasanter Geschwindigkeit zu einem Nachfragemarkt mit Tausenden offenen Stellen entwickelt, staunt der Vizechef der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. "Der Wechsel von Unterbeschäftigung über Vollbeschäftigung zu Überbeschäftigung mit Traumarbeitslosenzahlen ist ein Faktum."
Bald kommt es aus Sicht der Mediziner vielleicht noch besser. Denn von den knapp 150 000 niedergelassenen Ärzten werden sich in den nächsten Jahren Tausende altersbedingt zur Ruhe setzen. Schon entstehen in der haus- und fachärztlichen Versorgung auf dem Land erste Lücken, schon nutzen Ärzte die Aufhebung der Altersgrenze, um allein oder in Netzwerken noch ein paar Jahre draufzusatteln, damit die Versorgung nicht zusammenbricht. Hier und da stellen Kommunen und Kassenärztliche Vereinigungen schon die Praxis, damit junge Ärzte überhaupt noch aufs platte Land kommen. "Immer mehr ausgebildete Ärzte entscheiden sich gegen einen kurative Tätigkeit und wandern in alternative Berufsfelder oder ins Ausland ab", klagt Ärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe. Jeder Fünfte gehe nach dem Abschluss des Studiums nicht ins Krankenhaus, das sei erschreckend viel.
Doch es ist ein Ärztemangel im Überfluss. 2008 hatte die Bundesärztekammer 319 697 berufstätige Ärzte registriert, im Jahre 1991 waren es erst 244 238. Seither hat sich viel verändert. Nicht nur, dass Ärzte bereit sind, für mehr Geld und kürzere Arbeitszeiten zu streiken. Die Arbeitszeiten sind, vor allem im Krankenhaus, drastisch gesunken. Immer mehr Frauen gehen in die Medizin, wollen aber im Vergleich zu den Männern weniger Stunden in der Woche arbeiten. Hinzu kommt der medizinisch-technische Fortschritt; neue Facharztrichtungen unter den Niedergelassenen beiten neue Beschäftigungschancen. Auch außerhalb von Klinik und Praxis bieten sich Ärzten interessante Perspektiven: in der Pharmaindustrie, bei Krankenversicherungen, in den Medien oder auch als Klinik-Controller mit betriebswirtschaftlicher Zusatzausbildung.
Die Standesorganisationen reagieren darauf. Unlängst haben Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Deutsche Apotheker- und Ärztebank mit der Düsseldorf Business School an der Heinrich-Heine-Universität einen neuen Studiengang zum Master of Business-Administration-Gesundheitsmanagement aus der Taufe gehoben. Ab Dezember können Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Hochschulabsolventen, die im Gesundheitswesen arbeiten, in vier Semestern den MBA machen. Andere Universitäten bieten ähnliche Abschlüsse an.
Auch die Kliniken stellen sich auf den Anbietermarkt ein. Die gezahlten Gehälter hält der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, für "konkurrenzfähig, sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich". So komme ein Assistenzarzt im dritten Jahr auf 56 500 Euro samt Bereitschaftsdienstzulagen, ein Facharzt auf 81 000 Euro samt Poolbeteiligung aus privatärztlichen Einnahmen und ein Oberarzt auf 101 000 Euro. Chefärzte könnten laut einer Vergütungsstudie der Unternehmensberatung Kienbaum mit 250 000 Euro rechnen. Die Arbeitsbedingungen hätten sich verbessert, flexible Arbeitsmodelle ermöglichten es, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen. Die Arbeitsplätze seien sicher, zuweilen gebe es sogar eine Betriebsrente, und nicht zuletzt böten gerade die Kliniken Weiterbildung und Qualifikationsmöglichkeiten an. 
Engpässe sieht Baum vor allem in den neuen Bundesländern und in ländlichen Regionen sowie in einigen Fachgebieten wie der Anästhesie. Der Berufsverband der Chirurgen hat schon eine eigene Werbeaktion gestartet, um mehr Nachwuchs für den zuweilen auch körperlich anstrengenden "Knochenjob" zu finden. 
Für neue Beschäftigungsmöglichkeiten hat auch die Gesundheitspolitik in den vergangenen Jahren gesorgt. So können niedergelassene Ärzte auch am Krankenhaus arbieten oder in einer zweiten Praxis tätig werden, niedergelassene Ärzte können Assistenzärzte beschäftigen. Neue Beschäftigungsmöglichkeiten für angestellte Ärzte eröffnen sich auch in der wachsenden Zahl medizinischer Versorgungszentren, die von Ärzten, aber auch von Krankenhäusern betrieben werden.

Quelle: FAZ, 17./18.10.09


Wie sieht´s bei euch aus? Wo habt ihr vor zu arbeiten, wenn ihr mit dem Studium fertig seid, und wie stellt ihr euch euer Arbeitsleben vor?

Montag, 24. August 2009

Ärzte wollen weniger Patienten behandeln

Kassenärztevereinigung fordert bessere Patientensteuerung und Eigenbeteiligung

Die Deutschen sind nicht öfter krank als Bürger anderer Staaten, gehen aber öfter zum Arzt. Nirgendwo auf der Welt sei die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte so hoch wie in Deutschland, klagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, auf der Vertreterversammlung der knapp 150000 Kassenärzte und Psychotherapeuten ... in Mainz.
Das sei teuer und ineffizient. Deshalb müssten Patienten besser durch das Gesundheitssystem geführt werden.
Damit sollen überflüssige Arztbesuche und Behandlungen vermieden und das knappe Geld für die Behandlung Kranker gesichert werden. Kassenpatienten sollten durch Eigenbeteiligungen und neue Tarife zu einem wirtschaftlicheren Verhalten animiert, das sogenannte Doktor-Hopping unterbunden werden. Ziel sei nicht, mehr Geld für die Kassenärzte herauszuschlagen, sagte Köhler. Man wolle vielmehr die Versorgung fördern, ohne mehr Geld zu verlangen....
Diese Forderungen sind Teil eines Katalogs, mit dem die Kassenärzte den alten Zustand wiederherstellen wollen, als die KV allein für die Honorarverteilung und -abrechnung der Kassenärzte zuständig waren und es keine speziellen Hausarztverträge gab....
Zehn Jahre nach Ausrufung des Wettbewerbs im Gesundheitswesen müsse das "unkoordinierte Nebeneinander von Selektiv- und Kollektivverträgen" beendet werden. Zum Forderungskatalog gehören auch der Schutz des freien Berufs, die Hoheit über die Sozial- und Abrechnungsdaten der Patienten und eine rationellere Arzneimittelversorgung.

(Quelle: FAZ, 19.05.09)